Sagen und Geschichten - Röpersdorf
Der Puppenspieler
Es war einmal ein Puppenspieler, der reiste überall umher und machte allerlei Kunststücke. Einstmals zur Sommerzeit war er in Röpersdorf,und als das Spiel zu Ende war, bat er seine Gäste, aus der Gasthofstube auf die Straße hinauszukommen. Hier wollte er noch ein ganz besonderes Kunststück zeigen. Er griff nun einen Hahn auf, der grad über den Weg stolzierte, und band ihn an einen Sägebock fest, der vor dem Dorfkruge stand. Der Hahn will aufflattern, kann aber nicht loskommen, weil er fest an den Balken angebunden ist. Wie er aber immer mehr Gewalt brauchte, zog er plötzlich mit dem ganzen Sägebock ab.
Die Leute allesamt staunten und lachten und juchzten hinter dem Hahn her. Dadurch wurde dieser scheu und zog immer schneller mit seinem Balken davon. Nun kam da gerade ein Mädchen ins Dorf hinein, das hatte eine Fracht Klee auf dem Rücken: "Leute," sagte das Mädchen, "was habt ihr euch da so gefährlich? Was ist da los?" - "Mädchen," sagten die Leute, "siehst du nicht, daß der Hahn sich da mit einem großen Sägebock umherschleppt?" - "Wo denn?" fragte das Mädchen. - "Nun, dort!" kriegte sie zur Antwort. - "Meint ihr da den Hahn, der sich immer mit dem Strohhalm schleppt?" sagt sie dagegen. So streiten sich die Leute mit dem Mädchen herum; sie sagt "Strohhalm", und die sagen "Sägebock". Ihre Augen waren verblendet unddie Augen des Mädchens nicht.
Woher kam es aber, daß ihre Augen richtig sahen? Das macht: sie hatte in ihrer Last Klee ein vierblätteriges Kleeblatt.Als der Puppenspieler gewahr wurde, daß das Mädchen mit der Fracht Klee die anderen Leute aufklärte, zauberte er ihr geschwind ein großes Schloß an den Mund, daß sie nicht ein Wort mehr reden konnte. Den ganzen Nachmittag mußte sie nun mit ihrem Schloß zum Spott der Leute umherlaufen. Als endlich alle Leute nach Hause gingen, nahm der Puppenspieler einen Schlüssel und machte ihr das Schloß am Munde wieder auf.
Quelle: Sagenschatz der uckermärkischen Kreise, gesammelt und herausgegeben von Rudolf Schmidt - Eberswalde, Prenzlau 1922
