Sagen und Geschichten - Prenzlau

De oll Bullerbeck

Mehrere Sagen wurden über die Prenzlauer "Kammstraße" erzählt. Die Straße, eine Querverbindung zwischen der Steinstraße und dem südlichen Teil der Baustraße, nordöstlich der alten Nikolaikirche, soll der Sitz der Prenzlauer Kammacher gewesen sein. Sie wohnten hier still und bescheiden und stellten fleißig die so oft benötigten Kämme her. Tatsächlich fand man Anfang der achtziger Jahre unseres Jahrhunderts am Ostrand der Altstadt von Prenzlau, in der Nähe der Lindenschule, ein Gelände, in dem im 11. und 12. Jahrhundert Kämme hergestellt wurden. Ein älterer Mann namens Bullerbeck wohnte gleich am Eingang der Kammstraße. Es war das schönste Haus in der ganzen Straße. Bullerbeck war zugewandert und ein großer, starker Kerl, dem keine Arbeit zuviel wurde. Er war auch niemals krank. Tag und Nacht konnte er seiner Arbeit nachgehen, und es war eine Lust zu sehen, wie er aus dem Horn die Kämme "zuschickte", "külpte", "gründete" und glattschliff. Ermahnte man ihn vor der übermäßigen Arbeit, so antwortete er, er hätte keine Zeit an Krankheit und Tod zu denken.

So ging es Jahr für Jahr. Als er nun eines Tages an einem besonders schönen Kamm arbeitete, hörte er im Holz seiner Werkstatt die Totenuhr ticken. Er bekam einen so großen Schreck, daß er sogleich ein Kuhhorn nach der Stelle warf, woher er das Ticken hörte, und er rief: "Deibel (Teufel), halt die Uhr an!" Kaum hatte er das ausgesprochen, da stand auch schon der Böse persönlich neben ihm. Er wolle ihm seinen Wunsch erfüllen, meinte er. Nur müsse es ihm der Meister schriftlich geben. Das tat er auch; er schrieb dem Bösen auf, er hätte dafür zu sorgen, daß niemals wieder in seiner Gegenwart eine Totenuhr ticken sollte. Totenstill blieb es nun in seiner Werkstatt. Die Jahre kamen und gingen. Die Kinder des Meisters wurden älter und starben schließlich, auch all seine Freunde wurden begraben, nur er blieb am Leben. Als er immer gebrechlicher wurde, da kam aber auch bei ihm der Wunsch, nun endlich die Totenuhr ticken zu hören, damit er sterben könne. Aber vergebens. Eines Tages schlich er sich zur Margarethenkapelle an der Südseite der Marienkirche. Und endlich, hier hörte er die Totenuhr ticken. Hier hatte der Böse die Macht über ihn verloren. Am nächsten Morgen fand man ihn auf dem Boden der Kapelle liegen. Als man ihn wegtragen wollte, zerfiel er zu Staub, so alt war er!

Quelle: Teufelssteine, Unheimliche Geschichten von den Ufern des Flusses Ucker, ARKADIEN e. V., Schibri-Verlag, 1997

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