Sagen und Geschichten - Milow
Das tönerne Huhn
In der Ziegelei von Strasburg muß es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Man erzählte sich, daß einer der alten Ziegelmeister habe zaubern können. Davon hatte ein Milower Bauer gehört. Er holte eines Tages den alten Ziegler auf seinen Hof, denn er sollte helfen, die Tochter vor einer Dummheit zu bewahren. Die wunderschöne Tochter des Milower Bauern war in einen armen Ziegelknecht verliebt. Beide hatten sich heimlich versprochen und konnten nicht voneinander lassen. Die Eltern des Mädchen waren aber dagegen und nun sollte der alte Ziegler helfen, der Tochter die Flausen auszutreiben.
Der alte Meister aus Strasburg willigte für gutes Geld in den Plan der Bauersleute. Er holte sich etwas Ziegelton aus seiner Grube und formte daraus unter seltsamem Gemurmel ein Huhn. Es sah aus, als ob es lebte. Der Ziegler gab der Bauersfrau das tönerne Huhn und sagte, sie solle es mit in ihr Bett nehmen und am Morgen danach schlachten. "Aber es lebt doch nicht", meinte die Bäuerin. "Ich kann doch nicht den Ton schlachten!" Sie solle nur tun, was er gesagt, meinte der Strasburger Zauberer.
Sie solle das Huhn sogar rupfen und braten und dann ihrer Tochter und dem armen Zieglerknecht davon zu essen geben. Die Frau tat, wie es ihr der Ziegelmeister geraten. Sie nahm das Tonhuhn mit in ihr Bett und staunte am nächsten Morgen nicht schlecht, als sie das Huhn quicklebendig vorfand. Sie schlachtete es und bereitete ein gutes Mittagsmahl daraus. Die Bauersleute riefen die heimlich Verlobten zu Tisch und gaben zu erkennen, daß sie gegen eine Ehe nichts mehr einzuwenden hätten. Doch sobald die beiden Verlobten von dem Huhn gegessen hatten, war es mit ihrer Eintracht und Liebe vorbei. Sie konnten sich nicht mehr leiden und liefen auseinander.
Quelle: Erwin Schulz, Das blaue Licht - Sagen und Geschichten aus dem Raum Strasburg-Woldegk, Schibri-Verlag Milow
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