Sagen und Geschichten - Kleptow
Der unsichtbare Nachtwächter
Die Kleptower hatten einst einen alten Nachtwächter, der nicht viel taugte und winters und sommers, anstatt zu wachen, entweder in eine Scheune kroch oder hinter der Friedhofsmauer schlief. Außerdem war er noch ein heimlicher Säufer und benötigte Nachtruhe sehr. An einem schönen Sommermorgen hatte er wieder seinen Rausch ausgeschlafen und ging nach Hause. Unterwegs fällt ihm schon auf, daß der Pastor, dem er auf der Dorfstraße begegnete, ihm auf seinen Gruß nicht dankte, sondern sich erstaunt nach allen Seiten umsah. Noch schlimmer wird´s, als er zu Hause seine Frau in der Küche antrifft und sie nach etwas fragt. Auch sie sieht erst erstaunt umher und läuft dann schreiend zum Nachbar. Beim Nachbar muß er dasselbe erleben.
Sowie er anfängt zu reden, läuft alles schreiend davon. Da erst merkte er, daß die Menschen ihn wohl hören, aber nicht sehen können, daß er unsichtbar sei. Ihm war nämlich Farnkrautsamen bei seinem nächtlichen Schlaf in den Leib gekommen. Nun reift in ihm der Gedanke, daß er ja jetzt ein feines Leben führen könnte. Nichts war vor ihm sicher, er stahl alles zusammen, vor allem Schnaps. Er trank so viel, bis er schließlich krank wurde, und der Tod über den See kam, um ihn zu holen. Aber selbst der Tod konnte ihn nicht finden, da er ja unsichtbar war. So spukt nun seit dieser Zeit der unsichtbare Nachtwächter in der Gegend umher, und am besten kann man ihn bemerken, wenn irgendwo Schnaps unbeaufsichtigt stehen bleibt.
Quelle: Gerhard Hänsel, Uckermärkische Sagen, KiRO-Verlag 1996
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