Sagen und Geschichten - Boitzenburg
Der Böttchermeister
Vor vielen, vielen Jahren lebte in Boitzenburg ein ehrsamer Böttchermeister. In einer Nacht, als er sanft und süß nach den Anstrengungen des Tages schlief, rief ihn eine unbekannte Stimme ins nahe Kloster Marientür. Er sollte kommen und sein Handwerkszeug mitbringen, denn es gäbe dort für ihn Arbeit. Der Meister stand auf, und als er vor die Tür trat, empfing ihn ein Mann mit langem weißen Barte und führte ihn durch mehrere unterirdische Gänge in einen großen Keller, wo viele Fässer standen, die bis zum rande mit Gold und Silber angefüllt waren. Hier erhielt nun der Böttchermeister den Auftrag, diese Fässer mit neuen Reifen zu versehen. Aber es waren ihrer gar viele, so viele, daß er sie kaum übersehen konnte.
Eine alte Tranlampe erhellte ein wenig den Raum, und es war unserm Meister, als wenn die alten Nonnen gleich Gespenstern durch die Tonnen dahinschlichen. Auf einmal erfaßte ihn ein grausen; er ließ sein Handwerkszeug liegen und lief, was er laufen konnte nach Hause. In der folgenden Nacht kam der Greis wieder und brachte ihm sein Handwerkszeug. Der alte Mann dankte dem Böttchermeister, daß er sein Handwerkszeug zurückgelassen habe, denn die Arbeit verständen sie im Kloster selbst gut, nur an Handwerkszeug fehle es. Der Meister atmete erleichtert auf und schlief ein. Als der Böttcher am andern Morgen aufwachte, da lag sein Handwerkszeug neben dem Bette und dabei ein Haufen Geld, und so war er plötzlich ein reicher Mann; aber er wäre wohl noch getan.
Quelle: Sagenschatz der uckermärkischen Kreise, gesammelt und herausgegeben von Rudolf Schmidt - Eberwalde, Prenzlau 1922
