Literatur aus der Uckermark
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Geschichten vom Uckermarksommer 1999Ich heisse Lisa Lehmann und wohne in Jamikow. Ab sofort werde ich an dieser Stelle monatlich eine Geschichte aus meinen beiden Büchern veröffentlichen. Ich schreibe seit meiner Pensionierung Heimatgeschichten. Kommen Sie einfach mit auf eine Abenteuer-Reise durch die Uckermark.
Am Dorfteich am 24.07.1999
Wenn man den Gipfel des "Berges", auf dem das Dorf liegt, über die von verschiedenen Baumarten, am meisten fallen die Birken auf, gesäumte Straße erreicht hat, liegt er direkt vor einem und man muß achtgeben, dass man nicht hineinfährt oder gar –fällt: der Dorfteich. Ich habe als besonderen Hingucker noch das baufällige Fachwerkhaus dahinter in Erinnerung. Es wurde in den letzten Jahren als einfaches Wohnhaus umgebaut, so dass der typisch bäuerlich-ländliche Charakter leider verlorengegangen ist. Auffallend sind die wunderschönen Bäume um den Teich, auch hier die verschiedensten Arten: Weiden, Buchen, Ahornbäume und links davon auf einer großen Rasenfläche ein Prachtexemplar von einer Birke und vor der hintenwachsenden Fliederhecke sogar einige Linden. Wie habe ich mich damals gefreut, als ich sie entdeckt hatte, weil sie mich an meine alte Heimat erinnern, denn das Dorfbild ist durch Kastanien und Akazien geprägt.Schneckenparade
Ich hatte mir gerade vorgenommen, dem Teich einen Besuch abzustatten, als mich Johanna bat, mit ihr spazieren zu gehen. Ich hatte von Enkelsohn Matti gehört, dass neue überdachte Tische mit Bänken aufgestellt worden sind, die wollte ich besichtigen. Und so steuerten wir zwei durch nasses Gras watend den Teich an.Das Schilf hat eine ordentliche Höhe erreicht, was die Sicht aufs Wasser sehr einschränkt. Braune Rohrbomben stehen kerzengerade dazwischen. Wie Opas Zigarren sehen sie aus, mache ich Johanna auf sie aufmerksam. Sie aber sucht die Frösche. Damit hat sie heute kein Glück. Im Frühjahr ließen sie sich blicken, das hat sie wohl noch in Erinnerung.
Dafür ist der Weg um den Teich mit Schnecken übersät. Für diesen Ersatz ist sie dankbar und voll entschädigt. Ich weiß nicht, was sie an den Tieren so begeistert. Ist es das Haus, das sie mit sich herumschleppen, oder die Fühler, die sich nach und nach zeigen? Jedenfalls schreit sie die ganze Familie zusammen, wenn sie auf dem Hof eine erspäht hat. Und das ist häufig der Fall, denn es gibt in diesem Jahr unzählige davon. Im Bauernkalender las ich, dass das in Mondjahren, und wir haben eins, auffällig ist. Wir sammelten einige Schnecken und setzten sie auf eine Bank. Es waren verschieden große und dementsprechend benannte sie sie, bis alle Familienmitglieder mit einem Schneckenwesen identifiziert waren. Da sie auch noch kleine Steine und abgefallene Kastanien mit Schale in den Teich werfen wollte, die sie unterwegs gesammelt hatte, befahl sie den Schnecken auf der Bank sitzen zu bleiben. Auf der nächsten Bank postiert sie die grünen Bälle und die Steine nebeneinander für das nächste Spiel. Treffer kosten ihr große Anstrengung. Ich probiere derweil die neuen hölzernen Sitzplätze aus. Sie wurden im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gezimmert und aufgestellt und sogar mit Abfallkörben komplettiert. Richtig nobel dekorieren sie das Teichufer und laden zur Rast ein. Das interessiert Johanna aber weniger. Gerade mal so nimmt sie die roten Beeren an den zwei jungen Vogelbeerbäumen wahr, nickt zwar, als ich sage: "Das sind Johanna-Beeren am Baum und nicht am Busch wie zu Hause"- sie will zurück zu ihren Schnecken. Obwohl ich von weitem sehe, dass die Sitzfläche leer ist, hat sie ihre schleimigen Freunde schon entdeckt. Sie kriecht unter die Bank und zeigt mir, dass einige am Geländer unterwegs sind, andere bereits den Erdboden erreicht haben. Wieder hebt sie sie vorsichtig auf, legt das Häuschen ab, singt ihr Liedchen: "Schnecke, Popecke, steck deine Hörner raus!", wartet geduldig auf dieses Wunder, freut sich, wenn sie ausgestreckt mit ihrer Last auf dem Rücken losmarschieren und warnt mich, die ich nun schon über eine Stunde auf dem Bankende ausharre, vor einem Zusammenstoß.
"Morgen gehen wir wieder spazieren, nicht wahr?" Meinen geplanten Rundblick vom Dorfteich aus verschiebe ich auf einen Solotripp hierher. Hora incerta. . Unter den Linden am Teich steht ein gemauerte Tischtennisplatte. Daneben finde ich heute ebenfalls eine neue Bank stehen. Mit Enkelsohn Matti habe ich hier in den vergangenen Sommern einige Matchs ausgetragen, zu jeder Tageszeit mußte ich dazu herhalten. Ich denke mit Schrecken daran, ob in ein oder zwei Jahren Johanna die gleichen Bedürfnisse entwickelt hat. Da wäre es mir lieber, sie würde ihre Vorliebe für Tier- sprich: Schneckenbeobachtungen beibehalten. Aber meine Vorstellungen werden sich mit ihren nicht vereinbaren lassen. Richtig so und gut für mich: Vielleicht wird es wieder eine neue Herausforderung.
Die Geschichte vom heimlichen Angler
Bei Enkelsohn Matti ist seit diesem Sommer das Tischtennisspielen out. Der neue Hit ist das Angeln im Dorfteich. Zu jeder Tageszeit sieht man die Jungen dort sitzen. Als ich noch 6.30 Uhr zur Arbeit fuhr, fielen sie mir in den Schulferien schon zu dieser frühen Stunde auf. Nun will der Enkel natürlich dabeisein. Begeistert erzählt er, dass die Freunde sogar etwas fangen: Rotfedern, Hechte, Barsche, Karpfen, Bleie, Schleie, Aale. Der Architekt gibt ihm sein Büchlein: "ABC des Angelns". Tagelang sehe ich, dass er es mit sich umherschleppt, stolz den Kumpels vorzeigt und mit ihnen über die gewonnenen Erkenntnisse diskutiert. Sein größter Wunsch ist es, eine Angel zu besitzen. Und die Eltern spielen mit. Für sein sehr gutes Zeugnis erhält er zu Beginn der Sommerferien ein Riesending von vier Metern Länge, das er kaum um die Hausecke bewegen kann, als er es vorführen will. Er ist glücklich. Aber was passiert? Zwei Tage später, als ich abends zum Sport gehe, kommt er mit langem, traurigen Gesicht, die zusammengesteckte Angel in der Hand, aus Richtung Teich gelaufen. Es wurde ihm das Angeln verboten, weil er keinen Angelschein hat. Er ist geknickt. Aber das Gesetz verlangt es so, Ordnung muß sein. Der Architekt wird sich kümmern. Er telefoniert und telefoniert. Sie müssen zum eine Autostunde entfernten Amt. Mit Lichtbild. Das Kind wird neun Jahre alt. Was ich nicht gewußt habe war, dass sein Angelfreund, der schon frühmorgens mit einem kleinen Handwagen bepackt mit diversen Angelutensilien an unserem Haus vorbeifährt, eine derartige Berechtigung besitzt. Hatte Matti das unterschlagen? Dachte er vielleicht: Erst einmal eine Angel, das andere wird sich finden? Der Schlingel! Zuzutrauen wäre es ihm schon......Angelschein und Anglerglück an einem Tag am 29.07.1999
Endlich fand der Architekt Zeit für die Fahrt zum Amt wegen der Angelgenehmigung für den Enkel. Gemeinsam machten wir uns am 29.07.1999 früh auf den Weg und zwei Stunden später hielt er den Paß zufrieden in der Hand. Das hätte glatt schiefgehen können. Wenn der Architekt nicht an eine schriftliche Vollmacht der Eltern gedacht hätte, wäre ein zweiter Behördengang notwendig geworden. Und er wollte ja loslegen. Die Sommerferien dauern nicht ewig. Zu Hause angekommen ist der Architekt als Fischermeister gefragt. Geduldig folgt Matti den Anweisungen, bis die Angel einsatzbereit ist. Am frühen Abend bricht er auf zu "neuen Ufern".Jetzt kann ihn keiner mehr vom Dorfteich vertreiben. Petri heil! Als ich 20 Uhr zur Sportstunde gehe, mache ich einen kurzen Abstecher zum Teich, um den Anglern über die Schulter zu schauen. Sie sitzen und warten optimistisch, dass sie einen Fisch erwischen. Ich verspreche, nach Schluß wiederzukommen und den Angler samt Beute mit nach Hause zu nehmen.Aber es kam genau umgekehrt: Der frischgebackene Angler holte mich ab. Wir saßen nach den Übungen entspannt bei einem Glas Sekt. Unsere Trainerin hatte zur Urlaubsrunde eingeladen. Da erscheint im geöffneten Gutshausfenster der Kopf des Enkels. Aufgeregt ruft er:"Komm bloß schnell, Oma, ich habe eine großen Blei gefangen!"Ich verabschiede mich eilig. Vor dem Gutshaus steht mit hochrotem Gesicht der Angelanfänger und zeigt auf seinen blauen mit Teichwasser gefüllten Eimer, in dem tatsächlich ein Fisch zappelt. Ich staune. Dass solche Fische in unserem Dorfteich schwimmen, hätte ich niemals vermutet. Ein Wunder für mich. Er paßt genau zwischen die Eimerwände. Matti erklärt mir, dass es ein Blei ist. Ich rate, ihn doch wieder in den Teich zu lassen. Das ginge nicht, weil er den Haken verschluckt hat, erklärt mir der glückliche Junge. Man müsse ihn deshalb schlachten, weil er den Haken wieder benötigt. Matti packt seinen Angelkram auf das Fahrrad und mir wird die ehrenvolle Aufgabe zuteil, den ersten Fang nach Hause zu tragen. Als Belohnung habe ich vom Metallbügel des Eimers eine Schwiele in der Hand. Von weitem schon ruft Matti den Architekten und seine Mutti aus dem Haus. Sie gratulieren ihm zu seinem Anglerglück. Das ist ein Hallo auf dem Hof. Der momentan nicht anwesende Papa muß später im Mondschein das genau 32 Zentimeter lange Prachtstück bewundern. War das nicht ein Glückstag? Am Morgen den Angelschein und abends solch ein Fang. Der Angler selber sagt:"Einmal Glück, immer Glück" und denkt, dass es so weiter geht.
Am anderen Morgen konnte auch die kleine Schwester den großen Fisch bestaunen. Dass er inzwischen nicht mehr lebte, bekam sie nicht mit. Von der Tochter hörte ich, dass sie im Kindergarten allen von dem Ereignis berichtet hatte. Ganz aufgeregt war sie mit der Neuigkeit in die Einrichtung gestürmt. Der Architekt packte den Fisch bevor er zur Arbeit fuhr in den Kühlschrank. Ich sollte den Enkel sofort nach dem Aufwachen davon unterrichten. Aber der hatte ihn schon vermißt, ehe ich ihn aufklären konnte. Er beruhigte sich schnell. Bis zum Suchen nach dem vermißten Angelhaken mußte er sich bis zum Abend gedulden. Wie Hänsel und Gretel standen der Angler und Johanna daneben, als der Architekt den Blei hervorholte. Dem Gretel gefielen die großen "Äuglein" besonders gut. Sie beobachteten genau, wie die Schuppen abgeschabt wurden und nach dem Schnitt die Kiemen und die Schwimmblase zum Vorschein kamen. Vergeblich wurde nach dem Haken gesucht. Der war wohl verloren gegangen. Für den Papa hatte Matti nun keinen wichtigeren Auftrag, als neue Haken zu besorgen. Er hatte wieder Glück: Morgen ist Sonnabend, Einkaufstag.
Übersicht der veröffentlichten Geschichten
- Der 9.9.1999 ein magisches Datum
- Die Akazien
- Am Dorfteich
- Vom Großbrand auf den umliegenden Feldern
- Das vierjährige Hausjubiläum
- Unverhoffter Besuch - Hunde auf dem Hofg
- Kater Moritz, das erste Haustier
- Das schönste uckermärkische Landschaftsbild hinterm Haus
- Feuerwehrhaus und Fledermausgewölbe im Park
- Der Traum vom verwandelten Uckermark-Gutshaus
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Veröffentlichungen der Autorin
- "Die Uckermark - Ein Sommermärchen" 7,60 Eur
- "Die Uckermark – Ein Heimatmosaik" 10,00 Eur
- Postkartenserie "Unterwegs in der Uckermark" Set-Preis 3,50 Eur
